MSL Notizblog

Games im politischen Kontext

Erstellt am: 16. Mai 2018

Autor: Sarah-Lena Richter

 „50.000 people used to live here, now it’s a ghost town.“ – Call of Duty: Modern Warfare

Re_Publica 2018 (1)

Zwar keine heiße Neuheit auf der re:publica, aber für viele Neulinge auf dem Gebiet doch keine Selbstverständlichkeit: Video- und Computerspiele schaffen (politische) Bildung. Den Anstoß zu diesem Blogbeitrag gab das Panel „Breaking the 4th Dimension: Gamers as Forces for Social Good“ von Gwendelyn Foster, CTO bei JoomaJam. Als Entwicklerin für Lernspiele fokussierte sich ihr Beitrag auf pädagogische Games für Kinder. In meinem Beitrag geht es jedoch um die großen Kinder, die spielen.

Als passionierte Gamerin besitze ich eine große Sammlung an Spielen und ein ebenso breites Wissen, welche Genres und welche Stilmittel mittlerweile bedient werden. Die typischen negativ behafteten Aussagen zu World of Warcraft oder Counter Strike sind mittlerweile obsolet. Schon längst bedienen Games ein breites Spektrum an Storytelling, künstlerischer Affinität und Genres, welche von Shootern über japanische Rollenspiele, bis hin zu Goldgräbersimulationen, oder eben auch politisch inspirierten Projekten reichen.

Zugegeben, das Bild von Gamerinnen und Gamern durchlebt momentan diverse und glücklicherweise positive Änderungen. Waren wir vor einigen Jahren noch die dicken, schwitzenden gamescom-Besucherinnen und Besucher – die weder Tageslicht noch echte Menschen kennen – bewegen wir uns heute deutlicher im Bereich der allgemeinen Akzeptanz. eSports beispielsweise ist ein Phänomen, welches nicht nur renommierte Sportvereine für sich nutzen. eSports füllt Hallen, begeistert und schafft Verständnis für einen Sport, der primär im Sitzen ausgeführt wird, bei dem der Kopf aber umso taktischer und schneller denken muss. Games sind cineastische Wunderwerke, sie entführen uns temporär in eine Welt, von der wir nur träumen konnten, oder in Welten, die unseren schlimmsten Albträumen entsprechen. Sie bringen uns zusammen – mit Fremden oder Freunden – sie fordern uns heraus, sie versetzen uns in Situationen, die wir im normalen Leben vermutlich niemals erleben würden, und sie bilden uns weiter.

Games mit politischem Hintergrund sind nicht erst seit kurzem ein beliebtes Genre. In Anbetracht unserer fragilen politischen Situation nehmen sie aber wieder einen hohen Stellenwert ein und uns aus unserem sicheren Hafen daheim in die verschiedensten Situationen und Orte zu versetzen.

Nehmen wir zum Beispiel This War of Mine“. Das Game wirft uns in eine vom Krieg zerstörte Stadt. Wir sind eine Gruppe aus Überlebenden, die versuchen, sich durch die Trümmer ehemaliger Wohnhäuser und Einrichtungen zu kämpfen, Werkzeuge zu bauen, Nahrung zu suchen und zu überleben. Wir erleben aus einer 2 ½ D Perspektive wie es ist, in einem Kriegsgebiet überleben zu müssen. Das Spiel endet, wenn der Krieg endet. Sterben wir an Hunger oder werden nachts von Milizen oder Banden überfallen, müssen wir neu starten.

this war of mine

In Papers, Please schlüpfen wir in die Rolle eines Grenzkontrolleurs, der unter Zeitdruck Pässe und Körperscans von Immigranten an der Landesgrenze überprüfen muss, um über Einreise oder Ausweisung zu entscheiden. Für Menschlichkeit bleibt uns keine Zeit. Passen wir nicht richtig auf und lassen potentiell Kriminelle ins Land, leidet unser soziales Ansehen und das unserer Familie, und wir erhalten weniger Lohn. Unsere Familie kann aufgrund der monetären Unterversorgung erkranken, und sogar sterben. Ständig kommen neue vom Staat festgelegte Regularien hinzu, die uns als Gamer regelrecht überfordern. Auch der fiktive Staat übt seinen Einfluss auf uns aus, versucht uns zu bestechen, und erschwert somit das Gameplay.

papers, please

Ein Spiel wie Democracy 3 hingegen versetzt uns die Rolle einer politischen Führungskraft. Wir haben es in der Hand, wie wir unser Land regieren, ob wir es verschulden, wie wir gegen zu hohe Kriminalität vorgehen und was wir für den Klimawandel tun.

Alle Games unterscheiden sich hinsichtlich Storytelling, Zielsetzung und Tonalität, und doch führen sie uns stückchenweise in die Welt der Politik, der Interessenkonflikte und Konsequenzen ein, die wir ansonsten nur auf dem Papier lesen oder in den Nachrichten sehen können. Mein Schlusswort ist also ein Aufruf, sich Games genauer anzusehen, bevor sie als Kinder-oder Killerspiel verurteilt werden, um das künstlerische und erzählerische Potential dieser Unterhaltungsmedien zu entdecken. Sie bieten mehr, als auf den ersten Blick erkennbar.

 Sarah-Lena Richter_sw

Sarah-Lena ist Digital Consultant am Frankfurter Standort von MSL Germany. Gaming, Comics und Social Media kennt und beherrscht sie besonders gut. Am besten folgt man ihr auf Twitter @Mrs_Keroro und staunt, was sie alles in 280 Zeichen pressen kann.